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Leonard Cohen und ich

Mitte Siebzigerjahre – ich war ein Teenager damals – war ich in einem Skilager im Graubünden. An den Abenden sassen wir zusammen, ein paar Gitarren waren mitgekommen, es wurde gesungen, alte und neue Lieder. Dort hörte ich zum ersten Mal „Suzanne„, ein Junge, in den ich ein bisschen verknallt war, sang es uns vor, es sei von Leonard Cohen. So lernte ich Cohen kennen, noch bevor ich wirklich wusste, wo Kanada und wo Montreal ist. Das Gesicht und den Namen des Jungen im Skilager habe ich längst vergessen, doch Leonards Lieder haben mich seit damals begleitet.

Damals Begleiter in melancholischen Momenten, ich hörte sie vor allem, wenn ich allein war. Ich verstand noch nicht so gut englisch wie heute, aber seine Texte berührten mich genau so wie seine Musik.

Ende Achzigerjahre wanderten wir nach Kanada aus, auf die Farm, und ich glaube ich begriff erst dann, dass Cohen in Montreal geboren und aufgewachsen war, lernte den Sankt Lorenz kennen und lieben, wo Suzannes „place near the River“ ist.

Einmal waren der Bauer und ich spätabends noch damit beschäftigt, die Entmistung zu reparieren, was ein mühsames, schmieriges Unterfangen war. Wir waren beide schmutzig, müde und hungrig und nicht mehr besonders freundlich miteinander, Da fiel mir Cohens „Humbled in Love“ ein, vor allem die Zeile wo es heisst „forced to kneel in the mud next to me“  (=gezwungen, im Schmutz neben mir zu knien). Irgenwie gab mir das Kraft, weiterzumachen. Bis heute verbinde ich dieses Lied mit einer kaputten Mistkette.

Es wurde dann ein paar Jahre stiller um Cohen, und wir wurden älter, er und ich.

Mit dem Älterwerden war es nicht mehr die Melancholie in seinen Liedern, die mich anzog, sondern seine tiefe, im Judentum verwurzelte und doch offene, weiterführende und suchende Spiritualität, die mich sehr berührten – immer noch berühren.
„Wiederentdeckt“ habe ich ihn mit dem Lied „If it be your will„, in jener Zeit, als ich mit mit meiner eigenen Krankheit und Endlichkeit auseinandersetzen musste, ein Lied, das wie Cohen selbst sagt, eigentlich mehr ein Gebet ist.

2010 verlor meine Arbeitskollegin und Freundin ihren Sohn bei einem Autounfall und nur zwei Wochen später starb ihre beste Freundin an Krebs. Wir Frauen in der Klinik, „Heilerinnen“ von Beruf, waren alle sehr mit erschüttert, und kamen zusammen, um gemeinsam zu trauern. Das Lied „Come Healing“ wurde unsere gemeinsame Hymne und Gebet.

Ende November 2012 kam Leonard „nach Hause“, er gab nach langer Zeit wieder einmal zwei Konzerte in seiner Heimatstadt Montreal. Ich konnte Tickets ergattern und durfte mit drei Freundinnen einen unvergesslichen Abend erleben. Ich bin sonst nicht so angezogen von Grossanlässen und „Starkonzerten“, Aber dieses Konzert im Centre Bell, Montreals riesigem Hockeypalast, war …. und nun sitze ich da und suche nach einem treffenden Wort, um es zu beschreiben. Leonard Cohen brachte es fertig, die grosse Sporthalle bald in eine intime Stube, bald in eine Kathedrale zu verwandeln. Was mich, nebst den Liedern, besonders beeindruckte, war seine Bescheidenheit, seine Grosszügigkeit und seine Art, die Musiker mit ihm auf der Bühne vorzustellen und ihnen seine Hochachtung zu erweisen.

Ich habe mehrere „Lieblingslieder“von Leonard Cohen. Das Lied, das mir aber gestern spontan einfiel, als ich von seinem Tod las, ist das „Anthem“,  und ich finde es ist eine Antwort auf die momentane Lage hier in Nordamerika – auf der Welt überhaupt. Den Text mit der deutschen Übsesetzung könnt Ihr hier finden.
In seiner Einleitung sagt er unter anderem: „We are so privileged to gather in moments like this when so much of the world is plunged in darkness and chaos…“ (Wir sind so privilegiert, dass wir uns in solchen Momenten zusammenfinden dürfen, wenn so vieles in dieser Welt in Dunkelheit und Chaos gestürzt ist“)

Danke für die Poesie und die Lieder, Leonhard Cohen!

Singen

Im ersten Jahr, als ich in Frelighsburg wohnte, wurde ich zu einem Konzert eingeladen. Der Chœur des Armand ist ein kleiner Chor, der ausschliesslich A Capella singt und sich aus Leuten aus der Gegend hier zusammensetzt. Ich dachte damals, „ach ja, so ein Dorfchörli, gehen wir die doch mal unterstützen“. Ich hatte ja schliesslich mehrere Jahre im Schaffhauser Kammerchor und später im Choeur Classique de l’Estrie gesungen und war ein wenig snobistisch. Ich stellte mir vor ein paar Volkslieder, mehr oder weniger harmonisch gesungen, zu hören, sass da ohne grosse Erwartungen in der schönen alten anglikanischen Kirche, als auf einmal aus den vier Ecken des Gebäudes das von mir so geliebte Adoramus te von Palestrina erklang. Wunderschön, klar, rein…  Von diesem Moment an wusste ich, dass ich in diesem Chor mitsingen wollte.

Nun bin ich schon mehrere Jahre dabei und habe nach wie vor sehr viel Freude am Singen mit dieser Gruppe. Eigentlich habe ich Euch das nur erzählt, weil ich unbedingt ein Lied mit Euch teilen will, das wir gerade üben, und das ich so unwahrscheinlich schön finde. Es heist „Meguru“, kommt aus Namibia und ist eine Art Kyrie, „Herr, erbarme dich unser“. Nein, die Aufnahme ist nicht von unserem Chor, so weit sind wir noch nicht. Aber hört selbst:

Meguru